Aufruf: Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis des ÖRR

Antwort des WDR vom 19.8.22

Sehr geehrter Herr Payr,

vielen Dank für Ihre E-Mail vom 7. August 2022 an den WDR-Rundfunkrat, die am 8. August 2022 an die Publikumsstelle des WDR weitergeleitet wurde. Als zuständige Abteilung wurden wir gebeten, Ihnen zu antworten. Wie Sie aus dem Zwischenbescheid bereits entnehmen konnten, ist der WDR-Rundfunkrat in seiner Eigenschaft als Aufsichtsgremien für Inhalte des Programms wie z.B. das Gendern nicht unmittelbar verantwortlich.

Voranstellen möchte ich zunächst, dass die einzelnen Landesrundfunkanstalten ihr Programm eigenständig verantworten. In Bezug auf gendergerechte Sprache gibt es keinen ARD-Standard.

Wir sehen es als unsere Aufgabe an, die Gesellschaft in ihrer Vielfalt und die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit abzubilden. Dies hat weder mit Ideologie noch mit Inszenierung zu tun. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler äußern in dem von Ihnen angeführten Dossier ihre Ansichten zu Angeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ohne jedoch weitere wissenschaftliche Analysen anzustellen. Daher betrachten wir dieses Dossier ebenso als Meinungsäußerung wie das ungefähr zeitgleich veröffentlichte Stück einer fast identischen Autorengruppe, die jüngst einen ähnlichen Beitrag auf welt.de als Gastkommentar veröffentlichte. Dieser ist eindeutig als „Meinung“ gekennzeichnet. Beides sind keine wissenschaftlichen Fachbeiträge. Deshalb nehmen wir sie als Meinungsäußerungen und damit als Teil dieser Vielfalt zur Kenntnis und kommentieren sie nicht weiter.

Vielleicht haben Sie auch Kenntnis davon erlangt, dass der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-Gruppe, Mathias Döpfner, sich in einem eigenen Meinungsbeitrag www.welt.de | Mathias-Doepfner: Unser Haus steht fuer Vielfalt und Freiheit von dem „Gastkommentar“-Stück distanziert hat.

Die gendergerechte Sprache in Wort und Schrift gilt neben dem Gerechtigkeitsanspruch auch als sensible Schreibweise zur Kennzeichnung und Sichtbarmachung nichtbinärer und diversgeschlechtlicher Personen. Das Thema gendergerechte Sprache wird in der ARD genauso kontrovers diskutiert wie in der Gesellschaft. Innerhalb der neun unabhängigen Landesrundfunkanstalten gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen: Manche befürworten das Gendern aus guten Gründen, andere sind aus stichhaltigen Gründen zurückhaltend. Bei unseren Angeboten für junge Menschen werden Sie eher gegenderte Sprache finden, weil es dieser Zielgruppe besonders wichtig ist.
In der Öffentlichkeit herrscht teilweise der Eindruck vor, die ARD gendere immer und überall. Fakt ist aber: Aktuell wird in der Mehrheit der ARD-Programme im gesprochenen Wort nicht gegendert. Im geschriebenen Wort sieht es ähnlich aus. Auf der Website Tagesschau.de etwa werden Sie weder Gender-Sternchen noch Gender-Doppelpunkte finden. Dort werden, wenn immer möglich, die männliche und die weibliche Form benutzt.

Wie gesagt, in der ARD gibt es ein breites Bewusstsein für das Thema, aber absichtlich keine ARD-weite Leitlinie. Sendungen und Programme werden für ganz unterschiedliche Zielgruppen gestaltet, die naturgemäß auch unterschiedliche Zugänge zu diesem Thema haben.
Im Wissen, dass unsere Sprache einerseits lebendig und in stetigem Wandel begriffen und andererseits in ihrer Beständigkeit zu schützen ist, suchen wir Wege, den Bedürfnissen aller gerecht zu werden.

Hierbei ist es uns wichtig, die journalistische Freiheit zu respektieren, aber dennoch ein verständliches Programm für das gesamte Publikum anzubieten. Das bedeutet, dass wir immer wieder über die leserfreundlichste und akustisch am besten verständlichste Art diskutieren.
In diesem Sinne entscheiden die Redaktionen, welchen Umgang mit diesem Thema sie in Ihrem jeweiligen Kontext für angebracht halten.

Uns allen ist wichtig, dass möglichst alle Menschen sich von uns angesprochen fühlen und wir niemanden aus unserer Kommunikation ausschließen. Vor allem wünschen wir uns einen fairen Umgang miteinander und eine Diskussionskultur, in der mit verschiedenen Ansichten respektvoll umgegangen wird.

Mit freundlichen Grüßen aus Köln
Susanne Markert

Westdeutscher Rundfunk
Publikumsstelle
Appellhofplatz 1
50667 Köln
publikumsstelle@wdr.de
www.wdr.de

Erwiderung vom 21.8.2022
Mit der Bitte um Weiterleitung an die Intendanz

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Sehr geehrte Frau Frau Markert,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre ausführliche Rückmeldung!

Lassen Sie mich eingangs betonen, dass es weder inhaltlich noch personell irgendwelche Überschneidungen mit dem unlängst in der Welt erschienenen Aufruf zur Transgenderproblematik besteht. Es erschließt sich mir nicht, weshalb Sie auf diesen Aufruf und die Stellungnahme von Herrn Döpfner Bezug nehmen.

Sie weisen zu Recht darauf hin, dass es sich bei unserem Aufruf nicht um eine „wissenschaftliche Analyse“ oder einen „wissenschaftlichen Fachbeitrag“ handelt. Das freilich liegt in der Natur der Textsorte „Aufruf“, die eine vertiefte wissenschaftliche Analyse weder leisten kann noch will. Dennoch wird im Aufruf nicht einfach eine „Meinung“ vertreten, sondern es werden eine Reihe von stichhaltigen Argumenten angeführt. Diese sind mit einer umfangreichen Literaturliste verlinkt, so dass jeder, der tiefer in die Thematik einsteigen möchte, hierzu ausreichend Anregung findet. Wir fordern, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Argumenten in den Sendern stattfindet, zumal diese Argumente von Fachleuten vorgebracht werden, die die deutsche Sprachforschung in den letzten Jahrzehnten maßgeblich geprägt haben und zu den Koryphäen des Fachs zählen.

Sie schreiben, dass Sie sich darum bemühen, den „Bedürfnissen aller gerecht zu werden“. Wir würden es in diesem Zusammenhang begrüßen, wenn Sie die Bedürfnisse der 80% Ihrer Zuschauer und Zuhörer im Auge behielten, die Gendersprache klar ablehnen (alle Umfragen belegen das). Es kann nicht angehen, dass Journalisten im ÖRR ihre persönlichen Sprachvorlieben ausleben, ohne dabei die sprachlichen Präferenzen ihrer Zielgruppe zu berücksichtigen. Gendersprache ist die Nischensprache einer akademischen Elite. Ihre Zuhörer und Zuschauer wünschen diese Sprache jedoch mehrheitlich nicht. Mit diesem Widerspruch müssen die Sender sich produktiv auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie zitieren: „Uns allen ist wichtig, dass möglichst alle Menschen sich von uns angesprochen fühlen und wir niemanden aus unserer Kommunikation ausschließen.“ Bitte tragen Sie Sorge, dass auch die erwähnten 80% Ihres Publikums sich nach wie vor „angesprochen fühlen“.

Sie schreiben: „Vor allem wünschen wir uns einen fairen Umgang miteinander und eine Diskussionskultur, in der mit verschiedenen Ansichten respektvoll umgegangen wird.“ Dem ist vollumfänglich zuzustimmen. Das bedeutet jedoch auch, dass man bereit ist, auf die Argumente der Gegenseite einzugehen, statt sie mit dem Hinweis auf mangelnde Wissenschaftlichkeit vom Tisch zu wischen.

Was das Thema „Wissenschaftlichkeit“ anbelangt, verweise ich abschließend noch auf diesen Artikel. Sie können unserem Aufruf vieles anlasten, mangelnde wissenschaftliche Expertise sicherlich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Fabian Payr