Aufruf: Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis des ÖRR

Brief an die Rundfunkräte

Sehr geehrte/r Frau/Herr …

sicherlich haben Sie einige der aktuellen Umfragen zur Akzeptanz der „geschlechtergerechten Sprache“ zur Kenntnis genommen: Rund 80 Prozent der Bevölkerung lehnen die Nutzung der Gendersprache mit Entschiedenheit ab.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kennt all diese Umfragen und wird überdies mit wütender Zuschauerpost geflutet – und gendert dennoch unverdrossen und beharrlich weiter. Wenn viele Journalisten aus den Sendeanstalten an einem vermeintlich progressiven und „geschlechtergerechten“ Jargon festhalten, dokumentiert das eine tiefe Entfremdung zwischen Medienmachern und ihrem Publikum. Dass die Mehrheit ihrer Rezipienten den gewohnten Sprachgebrauch präferiert, scheint vielen Journalisten gleichgültig zu sein. Sie beharren auf ihrem pädagogischen Sprachprojekt und bemerken nicht, dass sich das Publikum abwendet, weil es keine Umerziehung wünscht.

Im Juli 2022 wurde die Initiative Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis des ÖRR ins Leben gerufen. 70 Experten aus den Bereichen Linguistik und Philologie forderten Anfang August 2022 in einem Aufruf eine kritische Neubewertung des Sprachgebrauchs im ÖRR auf sprachwissenschaftlicher Grundlage.

www.linguistik-vs-gendern.de

Die Zahl der Unterstützer dieses Aufrufs ist bis zum heutigen Tag auf fast 700 angewachsen. Darunter zahlreiche namhafte Linguisten, Mitglieder des Rates für deutsche Rechtschreibung, der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft sowie der Gesellschaft für deutsche Sprache und des PEN-Zentrums. Hinzu kommen rund 2600 Unterzeichner aus vielen anderen Berufsfeldern.

Die Sprachverwendung des ÖRR ist Vorbild und Maßstab für Millionen von Zuschauern, Zuhörern und Lesern. Daraus erwächst für die Sender die Verpflichtung, sich in Texten und Formulierungen an geltenden Sprachnormen zu orientieren und mit dem Kulturgut Sprache regelkonform, verantwortungsbewusst und ideologiefrei umzugehen.

Die Sendeanstalten haben sich bis zum heutigen Tag nicht substanziell zu den im Aufruf erhobenen Vorwürfen geäußert. Eine Chronik dieser beharrlichen Diskursverweigerung findet sich in der FAZ vom 6.12.22.

Die Initiatoren des Aufrufs bitten Sie mit großer Dringlichkeit, Ihren Einfluss als Mitglied des Rundfunkrates geltend zu machen und in Ihrem Gremium auf folgende Gefahren hinzuweisen:

1 – Das Vertrauen der Bürger in die öffentlich-rechtlichen Medien nimmt seit Jahren ab. Hierzu trägt auch die „gendergerechte Sprache“ maßgeblich bei, die von vielen als Jargon einer Elite wahrgenommen wird.

2 – Der ÖRR missachtet durch Nutzung einer ideologisch motivierten Sprache die Vorgaben des Medienstaatsvertrags, der ihn zu Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, zu Meinungsvielfalt sowie Ausgewogenheit seiner Angebote verpflichtet: § 26 (2).

3 – Der ÖRR stiftet mit seinem Sprachgebrauch beachtlichen sozialen Unfrieden und schwächt damit zugleich seine wichtige Rolle in einer freien und unabhängigen Medienlandschaft, die eine ganz wesentliche Säule unserer Demokratie ist. Für die “gendersensible” Umgestaltung der Sprache gibt es keinerlei demokratische Legitimation. Wer den vielfach eindeutig zum Ausdruck gebrachten Willen der großen Mehrheit der Sprachgemeinschaft missachtet, um den eigenen – vorgeblich geschlechtergerechten – Soziolekt durchzusetzen, verhält sich undemokratisch.

4 – Durch den fortgesetzten Gebrauch alternativer Sprachformen riskiert der ÖRR die Beschädigung einer verbindlichen und verbindenden Sprache, die alle Menschen unserer Sprachgemeinschaft erreicht – und erschwert die Integration jener, die unsere Sprache erst von Grund auf erlernen müssen.

5 – Der ÖRR propagiert einen edukativen Sprachgebrauch, der bei der Mehrheit der Bevölkerung starke Ablehnung erfährt. Die Menschen möchten verständlich und unkompliziert kommunizieren, ohne den Zwang, ständig Signale politisch korrekter Gesinnung in ihre Texte einbauen zu müssen.

Der mündige Bürger verdient eine wertschätzende und diskriminierungsfreie Ansprache durch den ÖRR. Er muss davon ausgehen, dass der ÖRR ihn als vernunftbegabtes Wesen adressiert und nicht als erziehungsbedürftigen Gebührenzahler, der auf die Sprachtugenden eines begrenzten politischen Spektrums eingeschworen werden muss. Mit seinem Sprachgebrauch diskriminiert der ÖRR die Mehrheit seiner Nutzer. Die Nutzer des ÖRR sind intelligent genug, ein generisches Maskulinum als geschlechtsneutrale Form zu verstehen. Diese Intelligenz scheinen die Sender jedoch bei ihren „Zuhörenden“ nicht mehr vorauszusetzen.

Wir bitten Sie, sich in Ihrem Gremium dafür einzusetzen, dass der ÖRR wieder seinen originären Aufgaben nachkommt. Der ÖRR ist kein Ort für politischen Aktivismus. Wir begrüßen mit Nachdruck jedes sinnvolle Engagement für Gleichberechtigung. Mit dem Gendern hat der ÖRR sich jedoch für ein gänzlich ungeeignetes Instrument entschieden, das in der Gesellschaft überdies breite Ablehnung erfährt. Die Sender ignorieren auch die sprachwissenschaftlich belegbare Tatsache, dass das generische Maskulinum bereits die gesamte geschlechtliche Vielfalt hinreichend abbildet und eine sprachpolitisch motivierte Umgestaltung der Sprache daher nicht erforderlich ist. Der ÖRR muss die anhaltende Kritik seines Publikums – mehrheitlich auch aus den Reihen derer, die vorgeblich durch neue Sprachformen geschützt werden sollen (etwa die Frauen) – respektieren und zu einer Sprache zurückfinden, die verbindet und nicht spaltet.

NETZWERK SPRACHKRITIK
Dr. Dagmar Lorenz, Literaturwissenschaftlerin, Wiesbaden
Dr. Anne Meinberg, Literaturwissenschaftlerin, Köln
Dipl.-Psych. Dipl.-Soz. Stefan Beher, Sozialwissenschaftler, Hamburg
M.A. Fabian Payr, Musiker und Autor, Schlangenbad
Dipl.-Biologe Tim Schröder, Wissenschaftsjournalist, Oldenburg

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